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Betreiber vom Kult-Laden M99 in Berlin Kreuzberg. Seit 30 Jahren versorgt er die linke Szene mit politischen Schriften, Patches, Buttons, Kleidung und ganz besonderem ‚Revolutionsbedarf‘

 

„Man will mich mobben, mich hier wegkriegen aus dem M99, damit ich nicht weitermache. Das macht die Hausverwaltung bei mir so wie bei den anderen 6 Hausbewohnern, indem sie die Wohnungen kaputt machen. Durch absichtlich ausgekipptes Wasser, abgerissene Kachelöfen, Wanddurchbruch. Ich bin in diesem Laden seit 1985. Ich habe auch nach der Härtefallregelung das Recht hier drin zu bleiben.“

Was bedeutet für dich Solidarität?

Die Linke und das Sozialistische System in der DDR haben immer von Solidarität geredet. Doch es war für mich verbrannt, da mein zweiter Vater Jahre in Bautzen gesessen hatte und dadurch einen psychischen Schaden davongetragen hatte. Deshalb hat es für mich keinen Sinn. Also habe ich es immer genannt ‚Liebevoll und wechselseitig abgestimmte gegenseitig freiwillige Vereinbarung‘. Solidarität ist nur als wechselseitig abgestimmte Sache gut. Genauso ist ‚liebevoll gemeint’ manchmal genau das Gegenteil.
Genauso wie echte Solidarität kann es keine echte Gewaltfreiheit geben. Dies ist nur da um ein Gewaltmonopol zu verteidigen, indem sie die Gewaltfreiheit postulieren und andere schlecht stellen die ihr Monopol nicht akzeptieren.

Hast du mal ein Haus besetzt?

Viele! Begonnen 1979 in der Schrippenkirche. Drahtzieher Hotel. Waldemar 52. Dresdner 16. Infoladen K36. Oranienstrassen 198 mit der Knastgruppe Libertäres Forum. Kukuck Anhalterstrasse 7 und vieles mehr.

 

„Die Vermieter der M99 sind 3 Personen, die im Elfenbeinturm leben und davon nichts mitkriegen wollen. Die hören nur, „die Leute sind freiwillig gegangen“. Diesen Leuten, wie der Etagennachbarin mit Kind wurde erst die Wohnung unbrauchbar gemacht, dann gekündigt, somit Instandsetzung verweigert und danach verdämmungsbedingte Mieterhöhung angekündigt, die Aussentoilette widerrechtlich abgerissen. Dass diesen Leuten gekündigt wurde, damit sie kein Recht auf Instandsetzung haben und man die Kündigungsklage abwarten müsse, und so derart freiwillig gehen, erfahren sie nicht.
Mir ist klar, dass ich dann im Container vorm Laden arbeiten werde, wenn das nächste mal die Wohnung durch Bauarbeiten unbewohnbar gemacht wird.

Gibt es eine Band, die unvergessen bleiben sollte?

Ich denke immer an Ton Steine Scherben. Die geht mir am nächsten, gerade auch aktuell.

Kann es Anarchie geben?

Anarchie ist die genannte „Gegenseitige freiwillige Vereinbarung“. Die passierte auch schon in dem Kommunen-Leben, wie ich es 1981-84 gelebt habe in ‚Anhalter Kukuck‘ auf 4000qm . Da wurde eingestanden, dass es eine Hierarchie gibt, aber wir bewusst mit ihr umgehen. Wandelbar in gegenseitiger Diskussion. So dass z.B. Zimmer mit unterschiedlicher Belegung immer im Einverständnis gewechselt wurden.

„Für den CDU Wahlkampf 1984/85 hat Innensenator Lummer mit Bürgermeister Diepgen vom eigenen Schmiergeld-Skandal ablenkend für sie alternativ gesagt, ich wäre als Raubdruckverkäufer ein Wirtschaftsverbrecher für den etablierten Buchhandel. Ich unterstütze damit politisch gefährlich die linke radikale Szene. Die Wahlstrategen der etablierten Berliner Parteien – CDU, SPD , AL (Bündnis 90) – haben mich als Multiplikator Faktor erkannt und angewendet um Regierungsverhältnisse zu verändern. (Regierungswechsel: April 1981 größter Nachkriegsschaden am Kurfürsten Damm, 1988 Mauerfluchtaktion Lenne Dreieck (Potsdamer Platz), IWF-Tagung Berlin, 1990 Mainzer Strasse)“

Was ist dein Lieblings-Bier?

Ich bin Abstinenzler, Nichtraucher und augenscheinlich straight edge. Habe früher nur Bier mit Zucker zum Test getrunken, war mir aber immer noch zu bitter.

Wie steht es mit der Liebesbeziehung zur Polizei?

Ich bin dagegen, dass „All Cops Are Bastards“ gesagt wird. Es ist eine Verunglimpflichung, die ich lieber auf mich als auf Polizeibeamte projiziere. Denn ich bin ein German Bastard. Ostdeutscher Mittelfranke, der in Berlin aufgewachsen ist, keine Heimat nirgendwo. Kreuzberger Urgestein sind die, die hier geboren und aufwachsen und dann unerwünscht sind. Und wie ich ihr Existenzrecht ständig durch rechtsstaatliche Maßnahmen in Frage gestellt sehen.

„Ich habe den Laden M99 nur deshalb Revolutionsbedarf genannt, weil ich am 18. März – am Tag der Deutschen März Revolution und Tag der politischen Gefangenen – geboren worden bin. Ich bin ein politischer Gefangener meines Rollstuhldaseins, den ich durch unterlassene Hilfeleistung von Polizeibeamten 1989 mutmaßlich erfahren habe. So dass ich unergründlich auf den Kirchturm am Lausitzer Platz gekommen bin, ohne technische Hilfsmittel, was mir eigentlich nicht möglich war. Ich wurde dort ins künstliche Koma versetzt.“

Was ist dein Lieblings-Tier?

Schnecke bin ich. Und ich liebe mich auch. Der Todfeind der Schnecke, ist die Eile.

Was bedeutet Freiheit für dich?

Wie es Rosa Luxemburg schon geklärt hatte „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“.
So gibt es für mich keine echte Freiheit, denn du hast immer Bedürfnisse, die sich konstruieren aus deiner Umgebung, Menschen und Situationen. Das Freiheitsgefühl entspricht immer der Situation, in der du hineingewachsen bist, was du auch nicht selber immer bestimmen konntest. Und wenn du nicht die Freiheit hattest, etwas zu bestimmen, hast du auch keinen freien Willen. Nur im Detail, aber nicht ganzheitlich. Und weil sich die Umgebung verändert, verändert sich auch das Freiheitsempfinden. Aber ich strebe trotzdem immer nach Freiheit. Aber in gegenseitiger, freiwilliger Abstimmung.

„Seit 2008 habe ich das Diktat der Sitzklasse entworfen, nach dem Prinzip, Leute laufen vor mir im M99 her oder ich sitzend bzw. stehend. Sie sehen was ich mache und unterstützen mich. Eine positive Gegenseitigkeit im wechselseitigem Sinne ohne Rollstuhl-Speziismus. Ich wende mein Hilfsbedürftigkeit so an, dass ich selbst bestimme, wie Andere mir helfen können, von mir Hilfe zu erfahren an ihr Ziel zu kommen.“

Wird es in der Menschheitsgeschichte jemals einen Zustand geben können, bei dem man keine Revolution oder keinen Kampf mehr durchführe muss?

Revolution ist für mich kein Kampf, sondern nur eine Technik, ein technischer Begriff. Revolution ist für mich den Status Quo der bestehenden Verhältnisse umwälzend, aber nicht immer zum Positiven verändernd.