Grog

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Anarcho Liedermacher und Bundestagswahl Kandidat
Grog Grogsen

 

„Ich bin Westberliner. Bin in eine Anarcho-Hippie Kommune reingeboren worden. Habe die ersten vier Jahre schon in extrem politischen Verhältnissen verbracht. Auch mit 4 auf dem ersten Ton-Steine-Scherben Konzert. 

Wir haben in einem Studentenwohnheim gewohnt, wo Leuten, die später bei der RAF gelandet sind, sind da immer ein und aus gegangen. Meine Mutter war Räte Kommunistin, und hat mir auch damals sehr früh den politischen Sinn dahinter erklärt.“

Denkst du, dass Anarchie in der Punk-Szene existiert?

Es gibt Ansätze. Mikrokosmose, wo das schon untereinander funktioniert. Es gibt Hausprojekte wie Rigaer 78 und Liebig 39, da gehen die Leute herrschaftsfrei miteinander um. 2016 hatten wir ja auch den Riesen Bullenterror in der R94 und da haben sich die gesamten Anwohner auf sone herrschaftsfreien Sachen eingelassen. Henkel (CDU) wollte den Kiez spalten, und das Gegenteil ist passiert. Die Leute sind zusammengerückt und haben zusammengehalten. Ganz normale Bürgers, die den belagerten Kuchen vorbeigebracht haben und sone Geschichten.

Was ist Anarchie für dich?

Das gibt es einen schönen Spruch von Bakunin: „Anarchie ist nicht Unordnung. Es ist Ordnung ohne Unterordnung“. Den finde ich total super, denn uns wird ja immer unterstellt, dass wir in unseren Projekten nichts geschissen kriegen und so. Das stimmt ja nicht. Wir haben nur keine Hierarchien. Wenn man zusammen versucht etwas auf die Beine zu stellen, ist unheimlich wichtig, dass die Arbeitsteilung funktioniert. Dass jeder freiwillig etwas macht. Das macht natürlich viel mehr Spaß, wenn man nicht buckeln muss, sich dabei nicht unterordnen muss.  Nach dem Motto, „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“

„Ich hab schon bei ner Menge Besetzungen mitgemacht. Das erste Mal war in den 80ern, Kreuzberg in der Muskauer Strasse. Ich gehöre z.B. auch zu den Erstbesetzern der Roten Flora in Hamburg. Das war reiner Zufall. Bin gerade durch Hamburg durchgetrampt, hab in nem Projekt gepennt. Da kam jemand: ‚Ja ja, Rote Flora…‘
Als jungscher Punk hat man ja nichts besseres zu tun wenn man hört ‚Besetzung‘.“

Wie liefen denn Besetzungen so ab?  

Naja, Mensch verabredet sich miteinander. Geht denn da hin, macht die Tür auf. Und sorgt sofort dafür, dass ordentliches Barrikadenmaterial da ist, dass man die Tür auch sofort wieder zu machen kann. Gleichzeitig hat man irgendwelche UnterstützerInnen vorher informiert, die dann vorm Haus sind, die dafür sorgen, dass da eine Präsenz ist. Dass die Bullen da nicht einfach so durchhonken können. Dass da Zeugen sind, falls da was passiert. Am besten hat man gleich noch seinen Anwalt informiert, der steht dann auch noch vor der Tür.

„1989 Wollten die Bullen Räumen. Erstaunlicherweise klopfte es um 2 Uhr nachts. Am Fenster von der Kneipe, die völlig verbarrikadiert war. Das war ein „Bild“-Reporter. Er meinte zu uns, in zwei Stunden kommen die Bullen. Er braucht ne gute Story. Sie kommen mit Leitern, da bis zum zweiten Stock verbarrikadiert ist. Der Bildreporter hat seine Story jekricht. Die Bullen kamen und haben die Leitern anjelegt. Sind halbe Stecke oben gewesen. Alle Fenster gehen auf und alles mögliche fliegt raus. Töpfe, Pfannen, Mehl, Wasserflaschen. Damit hatten die Bullen nicht gerechnet. Die dachten morgen so um 4 da schlafen wir alle noch weil wir wahrscheinlich ordentlich durchgekramt haben. Das ist das erste mal dass ich der Bildzeitung ein wenig dankbar war. Die Bullen sind abgehauen, haben ihre Leitern stehen lassen. Drei Stunden später kam der Einsatzleiter und hat mit dem Megaphone angefragt, ob wir zulassen dass seine Jungs die Leitern abholen, ohne dass wir was werfen. Wir haben niemanden richtig verletzt, so. Die hatten ja alle Helme. Und das Mehl war besonders gut, da der durch sein Helm Visir nichts mehr sieht.“

Was wird unter Punk verstanden?  

Es gibt viele Leute, die das irgendwie nicht richtig verstehen. So ist das Problem. Die denken dass es sich einfach auf ne jugendliche Widerstandskultur reduziert. Und das ist es halt nicht. Z.B. hat die Potse/Drugstore ein T-Shirt da steht „Punk ist, was du draus machst“. Ich laufe hier mit meinen langen Zotteln und Bart durch die Landschaft. Dann gibt es ein paar total bedepperten Kiddie Punks, die darauf kommen, mich als Hippie zu bezeichnen.  Was ich nun überhaupt nicht bin. Punk ist so vielseitig. Du kannst aussehen wie du willst. Das ist gerade das, was Punk ausmacht: Sei wer du willst. Punk ist nicht, mit einem Iro rumlaufen.

Frisur also egal, aber die Kleidung hat einen großen Einfluss, oder?  

Na logisch, gibt man sich Signale. Laufe ja auch mit meiner zerranzten Lederjacke mit Aufnäher drauf, und Nieten. Ich finde es auch großartig, dass man sich erkennt. Spiele ja auch oft auf Touren. Jeder der irgendwie so aussieht wie ein Punk, sagt mir erstmal Juten Tach. Und zwar egal wo ich bin. Ist schon so, dass man sich einander erkennt, nen Bier trinkt und quatsch.

„Ich habe jahrelang nen Iro gehabt. An meinem 16 Geburtstag habe ich meinen ersten Iro geschnitten. Mit nem Kumpel. Ziemlich bekifft und betrunken. Deswegen war es auch nicht mehr ganz so gerade. Meine Eltern konnte ich damit nicht schockieren.  Mein Vater war ja Sozialpädagoge und auch einer der Erstbesetzer vom Drugstore. Dann habe ich anschließend meine Jugend im Drugstore verbracht und meine Kinder sind dann in die Potse gegangen.“

Welche Band gibt’s du uns als Musiker auf den Weg?

Dead Moon. 80er Jahre Ami Blues Punk. Gibt’s leider nicht mehr. Haben sich vor 10 Jahren aufgelöst, aber ich war bei vielen Konzerten bei ihnen. Sehr depressiv.

Wenn jemand in die Punkszene reinkommt, was würdest du Ihm/Ihr auf den Weg geben?

Aufpassen, dass man nicht mit den falschen Säuft. Wenn einer nur ansatzweise sexistischen, homophoben, rassistischen Stuss von sich läßt – und das passiert bei uns in der Szene leider auch – Weggehen. Denn die haben Punk nicht begriffen.
Das zweite ist: Dabeibleiben! Das ganz große Problem ist, dass viele es als Sprungbrett ins Erwachsenenleben betrachten. Und das ist es halt nicht. Wenn man Punk ist, sollte man sich es vorher gut überlegen, ob man das macht. Und wenn man es macht, sollte man auch dabei bleiben. Und nicht sagen, so jetzt bin ich 30, jetzt hör ich auf.